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In-vitro-Fleisch - Silvia Woll

  • Die aktuelle Fleischproduktion sowie der wachsende Fleischkonsum verschärfen den Welthunger und haben negative Auswirkungen auf die Umwelt, die menschliche Gesundheit und das Wohl der Tiere. Ist womöglich In-vitro-Fleisch, ein aus Muskelzellen gezüchtetes künstliches Fleisch, die Lösung? Die Technikphilosophin und Kulturwissenschaftlerin forscht zu Chancen und Risiken von Laborfleisch.

In-vitro-Fleisch – Visionen und Risiken

KIT
Silvia Woll

„In-vitro-Fleisch könnte in Zukunft ein Teil der Lösung sein, aber sicher nur ein Ansatz unter vielen. Und ob das Laborfleisch hält was es verspricht, lässt sich derzeit noch gar nicht sicher vorhersagen“, urteilt Silvia Woll vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse des KIT. Sie selbst isst seit Jahren kein Fleisch mehr. Probieren würde sie das Laborfleisch aber auf jeden Fall, allein aus wissenschaftlicher Neugierde. „Ernährung ist eines der wenigen Themen, die wirklich für jeden Menschen auf diesem Planeten spannend sind“, und damit ist das Thema auch spannend für sie, insbesondere, wenn es um technologische Innovationen geht. Ihre Aufgabe sieht sie darin, als „neutrale wissenschaftliche Beobachterin“ Politik aber auch Gesellschaft über die Vor- und Nachteile von neuen Technologien zu informieren, um so eine fundierte Meinungsbildung zu ermöglichen.

Was die Perspektiven des Laborfleisches betrifft, ist die Technikfolgen-Expertin nüchterner als so manches Start-up, das bereits jetzt die scheinbar unbestreitbaren Vorzüge bewirbt. In-vitro-Fleisch sei umweltfreundlicher, tierfreundlicher, gesünder und sicherer, heißt es. In einem Werbevideo eines amerikanischen Start-ups taucht bereits Hühnchenfleisch aus dem Labor auf. Silvia Woll beurteilt die Lage pragmatischer: „Bislang gibt es nur ein einziges In-vitro-Fleisch-Produkt auf dem Markt, und das ausschließlich in Singapur – allerdings besteht dieses nur zum Teil aus In-vitro-Fleisch, der andere Teil ist pflanzlich, und das Verhältnis gibt der Hersteller nicht bekannt.“ Wann In-vitro-Fleisch also wirklich ein für den europäischen oder deutschen Markt relevantes Produkt sein wird, bleibt noch völlig offen. Derzeit gibt es noch nicht einmal eine Zulassung. Auch die Akzeptanz für künstliches Fleisch hält sich in Deutschland sehr in Grenzen. Laut dem Technik-Radar, einer Studie von acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und Körber-Stiftung, kann sich nur ein knappes Viertel aller Deutschen Laborfleisch als Ersatz vorstellen. Auf diese Einstellung traf Silvia Woll auch in einem Forschungsprojekt, in dem sie unter anderem Bürgerinnen und Bürger zu ihrer Einstellung zu In-vitro-Fleisch befragte. Die Ablehnung sei zunächst immer sehr groß gewesen. Zwar hätten einige ihre Ansicht geändert, nachdem sie mehr über potenzielle Vorteile erfahren hätten. Mehr Akzeptanz war aber immer mit dem Wunsch verbunden, dass Laborfleisch unzweifelhafte Vorteile und keinerlei Nachteile gegenüber natürlichem Fleisch hat, insbesondere für das Tierwohl.

In der ausgewogenen Information und Kommunikation über das neue Lebensmittel sieht die Technikphilosophin noch viel Luft: „Wichtig für die Akzeptanz eines solchen Produktes ist es, dass die Informationen über In-vitro-Fleisch wahr und vollständig sind. Es wird bis jetzt viel über die Vorteile gesprochen, aber Kritikpunkte werden nicht geäußert.“ Und während die Studienlage bezüglich der Vor- und Nachteile von In-vitro-Fleisch noch nicht sonderlich belastbar ist, hat Silvia Woll bei einem anderen Ansatz keine Zweifel: „Dass wir mit In-vitro-Fleisch die Ernährungsprobleme in den Griff bekommen, ist eher nicht zu erwarten. Nicht mehr fraglich ist allerdings, dass wir den Konsum von Fleisch und tierischen Produkten reduzieren müssen. Hier ist die Studienlage eindeutig“, unterstreicht sie. Ihre persönliche Vision einer guten, nachhaltigen Ernährungszukunft: Eine biologische Landwirtschaft, die Tiere nur in einem sehr gesunden Maßstab beinhaltet – zu der aber auch alle durch ihr individuelles Ernährungsverhalten beitragen sollten.

rli



Der Presseservice des KIT stellt gerne den Kontakt zwischen den Medien und Silvia Woll her.

 

Fotonachweis:
Foto Petrischale: Irina Westermann, KIT
Foto Silvia Woll: Irma Chacall